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Jeder fünfte Deutscher ist ein hochreligiöser Mensch

Neuer Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung ermittelt Verbreitung von Religiosität

Berlin/Gütersluh, 16. Dezember 2007

In der deutschen Bevölkerung sind Glauben und Religiosität noch weit stärker verbreitet, als dies zumeist vermutet wird. So können rund 70 Prozent der Menschen hierzulande als religiös eingestuft werden und nahezu jeder Fünfte sogar als hochreligiös. Lediglich 28 Prozent weisen in ihrer persönlichen Identität keinerlei religiöse Dimensionen auf. Auch im zeitlichen Trend kann keine anhaltende Säkularisierung breiter Bevölkerungsschichten festgestellt werden. Gleichzeitig herrscht in Deutschland eine sehr bunte Vielfalt an religiösen Einstellungen, Bindungen und Identitäten, die auch zwischen Geschlechtern, Altersgruppen und der geographischen Herkunft große Unterschiede aufweist. Dies ist das Fazit des neuen Religionsmonitors der Bertelsmann Stiftung, die die bislang detaillierteste weltweite repräsentative Erhebung zu diesem Thema vorgenommen hat. Sie wird am kommenden Dienstag der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Danach gehören in Deutschland über 70 Prozent der Bevölkerung einer der zahlreichen Religionsgemeinschaften an. Anhand der Erhebung können ebenfalls etwa 70 Prozent der Bevölkerung anhand ihrer Aussagen als religiös eingestuft werden. Unter den Kirchenmitgliedern steigt dieser Anteil auf 79 bis 84 Prozent. Gleichzeitig aber ist unter den Mitgliedern der beiden großen christlichen Kirchen jeder sechste nicht religiös. Umgekehrt findet sich unter den Personen ohne konfessionelle Bindung mit 33 Prozent ein hoher Anteil religiöser Menschen. Und selbst unter den dezidiert Nichtreligiösen glauben immerhin noch 12 Prozent an die Existenz eines Gottes, ein göttliches Prinzip oder etwa die Unsterblichkeit der Seele. Überraschend groß ist auch die Zahl hochreligiöser Menschen in Deutschland. Nach den differenzierten Kriterien dieser Erhebung haben danach für etwa jeden fünften Bundesbürger Religion und Glaube einen enorm hohen Stellenwert für seine persönliche Identität und Lebensgestaltung.

Dabei ist nach wie vor eine scharfe Zweiteilung der bundesdeutschen Gesellschaft nach alten und neuen Bundesländern festzustellen. So liegt der Anteil der Religiösen in den alten Ländern bei 78 Prozent, darunter 21 Prozent Hochreligiöse, in den neuen Ländern sind lediglich 36 Prozent Religiöse festzustellen, darunter aber immerhin acht Prozent Hochreligiöse.

Beim Vergleich der Generationen ergibt sich zunächst das Bild einer religiösen älteren Generation gegenüber einer weniger religiösen jüngeren Generation. Die über 60-Jährigen nehmen danach viel häufiger an Gottesdiensten teil, pflegen das regelmäßige Gebet und haben tiefe religiöse.

Überzeugungen. Bei den unter 30-Jährigen pflegen deutlich weniger als unter den Senioren eine rituelle Praxis und 50 Prozent von ihnen beten niemals oder wenig. Allerdings unterscheidet sich die jüngste der befragten Altersgruppen kaum oder nur wenig von der Generation ihrer Eltern. Religion spielt in der Generation der unter 30-Jährigen generell für die meisten im Vergleich zu anderen Lebensbereichen wie Partnerschaft, Arbeitswelt oder Politik nur eine untergeordnete Rolle. Allerdings kann auch unter den jungen Deutschen nur jeder Dritte eindeutig zu den nichtreligiösen Zeitgenossen gerechnet werden. 52 Prozent der jungen Erwachsenen sind dagegen klar religiöse Menschen und weitere 14 Prozent sogar hochreligiös.

Gleichzeitig findet sich in dieser Gruppe das größte Maß an Zustimmung bei Fragen, ob sie an Gott, ein Leben nach dem Tod, die Unsterblichkeit der Seele oder eine Wiedergeburt glauben. Diese hohen Zustimmungswerte werden in keiner anderen Altersgruppe festgestellt. Und auch am öffentlichen religiösen Leben nehmen die Jüngeren vergleichsweise nicht weniger Anteil als die Älteren. 14 Prozent der 18 bis 29-Jährigen sehen den regelmäßigen Gottesdienstbesuch als wichtig an und sind damit dort sogar häufiger vertreten als ihre Eltern. Als eine der wesentlichsten Erkenntnisse folgert Dr. Martin Rieger, Projektleiter der Bertelsmann Stiftung: "Wir können ein langfristiges Aussterben der Religion in Deutschland, wie es immer wieder behauptet wird, definitiv nicht bestätigen. Aber ob es umgekehrt auch eine Renaissance des Glaubens z.B. in der Jugend gibt, können wir ebenfalls nicht sagen. Das wird erst eine Wiederholung des Religionsmonitors zeigen. Fest steht, es gibt eine große Stabilität des religiösen Bewusstseins in breiten Bevölkerungsschichten, das aber sehr vielfältig ist."

Vielfältig und differenziert ist nach den Erkenntnissen dieser Erhebung zum Beispiel auch das Gottesbild der Deutschen. Bei dem Gedanken an Gott herrscht bei der Mehrheit der Durchschnittsbürger offensichtlich das Bild eines liebenden, gütigen Wesens vor. Am häufigsten verbinden die Gläubigen mit Gott Gefühle der Dankbarkeit, der Hoffnung, Freude und Liebe. Es folgen Attribute wie Geborgenheit, Hilfe, Ehrfurcht und Gerechtigkeit. Deutlich weniger verspüren bei dem Gedanken an Gott Verzweiflung, Angst oder das Gefühl der Befreiung von Schuld. Und noch weniger verbinden mit ihm Zorn oder die Befreiung von einer bösen Macht.

Die gläubigen Deutschen sind mehrheitlich auch nicht nur „Sonntagschristen“. Ihre Einstellung hat eine hohe Alltagsrelevanz. Den größten Einfluss hat ihr Glauben vor allem beim Umgang mit einschneidenden Lebensereignissen wie Geburt, Hochzeit oder Tod, und für die Forscher überraschenderweise auch beim Umgang mit der Natur. Hier beschreiben 65 Prozent der Religiösen einen klaren oder sogar sehr starken Einfluss ihres Glaubens. Deutlich weniger Einfluss hat er dagegen auf die Gestaltung der Freizeit und Arbeitswelt, ihre politischen Überzeugungen und am wenigsten auf den Bereich der Sexualität.

Hohe Religiosität scheint darüber hinaus eine große zivilgesellschaftliche Ressource zu sein. Befragt, ob sie ein unbezahltes Ehrenamt ausüben, erklären dies 19 Prozent der Nichtreligiösen und 26 Prozent der durchschnittlich Religiösen. Von den hochreligiösen Menschen widmet sich mit 43 Prozent nahezu jeder Zweite einer freiwilligen, unbezahlten Aufgabe.

Die Befragung der Bundesbürger war eingebettet in eine internationale Erhebung unter 21.000 Menschen in 21 Staaten und unter Angehörigen aller Hochreligionen. Danach entspricht die Haltung der Deutschen einem westeuropäischen Trend. Deutlich mehr religiöse Menschen als hierzulande finden sich danach durchschnittlich in der Schweiz, in Italien oder Polen, weniger dagegen in Frankreich und Großbritannien. Europäer unterscheiden sich aber fundamental von US-Amerikanern. Dort können 89 Prozent der Befragten als religiös eingestuft werden, unter ihnen sogar 62 Prozent als hochreligiös. Zu den religiösesten Ländern der Welt gehören im Rahmen dieser Erhebung Nigeria, Brasilien, Indien und Marokko. Hier konnte der internationale Teil des Religionsmonitors über 96 Prozent Gläubige identifizieren.

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