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Ein Alptraum im Wachzustand

Überleben in den neuen Kriegen (Teil 1)
Anne Jung, medico international

Im Jahr 2000 wurden auf der Welt insgesamt 35 Kriege geführt, 13 davon in Afrika – um diese soll es in den folgenden Ausführungen gehen. Die britische Wissenschaftlerin Mary Kaldor hat den Begriff der »Neuen Kriege« geprägt (Kaldor 2000), um sie von jener Art bewaffneter Auseinandersetzungen zu unterscheiden, welche die vier Jahrzehnte des Kalten Krieges dominierten. Bei den Neuen Kriegen handelt es ich um innerstaatlicher Konflikte, die (oft auch mit ausländischer Unterstützung) innerhalb der Landesgrenzen geführt werden. 83% aller derzeit geführten Kriege sind dieser Kategorie zuzurechnen, während die Zahl zwischenstaatlicher Konflikte kontinuierlich abnimmt.

Die Entstehung der Neuen Kriege

Nach Ende des Ost-West-Konfliktes verloren viele afrikanische Länder, die Schauplatz von Stellvertreterkriegen der Großmächte gewesen waren, weitgehend ihre geostrategische Bedeutung – so z.B. Mosambik oder Angola. Beide Großmächte reduzierten ihre finanzielle Unterstützung oder froren sie ein. Damit brach die finanzielle Basis für viele Kriegsparteien zusammen. Dies hatte zur Folge, dass die Kriege in rohstoffarmen Ländern einige Jahre nach dem Ende der Blockkonfrontation zu Ende gingen (z.B. in Mosambik), weil die Kriegsparteien schlichtweg pleite waren. In Ländern mit großen Rohstoffvorkommen entwickelte sich dagegen eine Kriegsökonomie, welche die Finanzierung des Krieges durch die Kontrolle der lokalen Ressourcen weiterhin gewährleisten konnte – so im Sudan, in Burundi, Angola oder der Demokratischen Republik Kongo, die über Diamanten, Öl und Gold verfügen.(1) Die Rohstoff-Kontrolle dient heute nicht nur der Machterhaltung im Krieg;

photo: Anne Jung, medico
sie wurde mehr und mehr zu seiner Ursache. Die neu entstandene Kriegsordnung kann für einige Gruppen durchaus profitabel sein und über viele Jahre ihre Stabilität erhalten. Neu ist jedoch, dass der Krieg selbst – und nicht der militärische Sieg – mit erheblichen Vorteilen für die Kriegsherren verbunden ist. Er bietet wirtschaftliche Gewinne, die in diesem Umfang nur in einem rechtsfreien Raum zu realisieren sind.

Der Rohstoffreichtum macht die kriegszerrütteten Länder Afrikas zu einem beliebten Handelspartner für internationale Konzerne und Regierungen im Norden, weil sie durch den Verlust der Kreditwürdigkeit erpressbar geworden sind. Hohe Risikoabschläge vermindern den Marktwert der Ressourcen. Meist können Schürf – und Explorationsrechte so günstig erstanden werden, dass die in Bürgerkriegsgebieten notwendigen erheblichen Kosten für private Sicherheitsunternehmen nicht mehr ins Gewicht fallen. Im letzten Jahrzehnt investierten Konzerne deutlich mehr in Afrikas rohstoffreiche (Krisen-) Regionen als in andere Teile des Kontinents.

Afrika dient – wie in kolonialen Zeiten – ausschließlich als Rohstofflieferant, denn es folgen keine produktiven Investitionen, die Arbeitsplätze und andere Exportmöglichkeiten schaffen würden. Selbst die Arbeitskraft wird noch selten zur Ausbeutung der Bodenschätze benötigt – die Konzerne bringen ihre Arbeitskräfte meist selbst mit. Hinzu kommt, dass nur die Ölvorkommen für den Norden unverzichtbar sind. (2) Sicher, viele afrikanische Bodenschätze wie Diamanten sind eine beliebte, weil günstige Handelsware, aber allein das Öl hat eine strategische Bedeutung, die mit der »ungeordneten« Lage im Mittleren Osten noch zunimmt. Die USA planen, den Import von subsaharischem Erdöl bis 2015 auf 25% zu steigern und bauen ihre militärische Präsenz in der Region aus. Da sich die meisten Ölvorkommen im Meer befinden, bleibt die pessimistische Prognose bestehen, nämlich dass der Untergang Afrikas vermutlich weniger dramatische Auswirkungen auf das Börsengeschehen hätte als es der Anschlag vom 11.9.

Mit dem Ende der Blockkonfrontation ging eine Globalisierung des Kapitalismus einher, die zwar alle Länder in einem politisch-ökonomischen Raum integrieren soll, den Einschluss jedoch nach einer Dynamik der Verelendung organisiert: wachsende Gebiete sozialer Verwüstung umschließen die florierenden Zonen (Seibert 2002). Erst der Zugang zum globalen Weltmarkt macht die Herrschaft über Naturschätze und Produkte profitabel. Passend dazu bildet sich eine neue Berufsgruppe heraus: der Kriegs- und Gewaltunternehmer. Kein gänzlich neues Phänomen wie ein Blick in die Literatur zeigt. Die bekannteste Kriegsunternehmerin des 30-jährigen Krieges ist Brechts Mutter Courage. Der Krieg ernährt sie und ihre Kinder. Als eine Phase des Friedens den Alltag des Krieges unterbricht, klagt sie: »Ich lass mir den Krieg von euch nicht madig machen. Es heißt, er vertilgt die Schwachen, aber die sind auch hin im Frieden. Nur, der Krieg nährt seine Leute besser« (Brecht S. 75).

Die Globalisierung des Kapitalismus setzt sich, so der Konfliktforscher Peter Lock, aus drei Sphären zusammen, aus der regulären, der informellen und der offen kriminellen Ökonomie (3). Diese drei Sphären sind eng ineinander verwoben; ein Akteur der informellen Sphäre kann Waren in die reguläre Ökonomie einschleusen (z.B. Diamanten), und legal produzierte Waren wie Waffen gelangen in die kriminelle Sphäre (z.B. zu Rebellenbewegungen in Afrika). Je größer der Sektor der informellen Ökonomie ist, desto besser sind die operativen Bedingungen für kriminelle Akteure.

In den Neuen Kriegen entwickelt sich eine komplexe Neurorganisierung vormals staatlicher Aufgaben, in der die Interessen der lokalen Eliten, der Warlords (4) und Militärs mit den Interessen der internationalen Akteure wie Nachbarstaaten, internationalen Konzernen und auch Entwicklungshilfe-Organisationen ausbalanciert werden. Einige afrikanische Staaten übertragen gesellschaftliche Bereiche wie Sicherheitsdienstleistungen oder die Sicherung der Rohstoffausbeutung auf Söldner oder private Sicherheitsfirmen. Verpflichtungen wie die Gesundheitsversorgung werden gar nicht mehr wahrgenommen, was internationale Hilfswerke auf den Plan ruft, die die Bevölkerung vor dem Verhungern retten wollen. Andere Zuständigkeiten behält der »Kernstaat« weiterhin unter Kontrolle: Die kritische Öffentlichkeit wird intensiv durch staatliche Sicherheitsdienste überwacht, Oppositionelle werden verhaftet und ermordet. Diese gut ausgebauten Repressionsapparate belegen, dass es sich nicht um sog. »weak states« handelt, sondern dass der Staat freiwillig einen Teil seines Zuständigkeitsbereichs auf andere Akteure übertragen hat.

Anmerkungen

  1. Afrika hält 50% des Weltmarktanteils im Diamantenhandel und 10 % des Ölhandels.
  2. Das in der Demokratischen Republik Kongo vorkommende Coltan, (Colombo-Tantalit) wird vom Pentagon ebenfalls als strategischer Rohstoff eingeschätzt. Er enthält das seltene Metall Tantal, das zum zentralen Rohstoff für die Raumfahrt, die Computer- und Kommunikationstechnologie avancierte. Fundstätten in Australien gelten mittlerweile als Alternative zum Kongo.
  3. Das jährliche Bruttokriminalprodukt (BKP) wird auf 1500 Mrd. US$ geschätzt, wovon knapp die Hälfte auf Drogengeschäfte entfällt. Das Bruttosozialprodukt (BSP) des gesamten afrikanischen Kontinentes beträgt kaum mehr als ein Fünftel dieser Summe. Vgl. John Willman in Financial Times Europe 21.09.01
  4. Der Begriff Warlord definiert Personen, die eine Region in einem bewaffneten Konflikt kontrollieren und keinen weiteren Befehlshabern unterstehen. Eine »Mischform« stellen die sog. Sobels dar (soldier by day, rebel by night), bestehend bspw. aus Soldatengruppen, die ihren Sold lange Zeit nicht ausgezahlt bekommen und nachts Dörfer überfallen, um ihr Überleben zu sichern.
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