Topics GREEN world Stories & Images about us contact us

myGREENnews.com

Home »  Topics »  culture
Topics
politics
business
society
culture
GREEN World
development
education
communication
environment
health
human rights
UN & NGOs
Stories & Images
people
regional
photo journal

"Der Friedensgedanke ist das Herzstück der Europäischen Union"

Friedenspreis 2005 an Orhan Pamuk, den türkischen Schriftsteller

Frankfurt am Main, Oktober 2005, Su-Kyung Han

Der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk wurde im Anschluss an die Frankfurter Buchmesse vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, der seit 1950 vergeben wird, ausgezeichnet. Die Verleihung fand vor rund 1000 geladenen Gästen in der Frankfurter Paulskirche statt, der Lyriker und Übersetzer Joachim Sartorius, Intendant der Berliner Festspiele, hielt die Laudatio.

Joachim Sartorius beschrieb den Roman von Orhan Pamuk als „eine Reflexion über die Rolle von Literatur und über das, was sie aus uns macht.“ Seine Bücher seien voll seltsamer Helden, voller Intrigen, Verschwörungen und Liebschaften, vor allem aber genaue Schilderungen vergangener und heutiger türkischer Zustände. Sartorius lobte vor allem im Hinblick auf die Verfolgung der Armenier in Anatolien (1915/16) Orhan Pamuk als einen mutigen Literaten, indem er „unerschrocken seine Stimme erhebt und Aufrichtigkeit einklagt, versucht er, in seinem Land ein Nachdenken zu erzwingen und die Regierenden umzustimmen.“ „Jeder Roman von Orhan Pamuk beschenkt uns mit einer akribischen, fast haushälterisch genauen Beschreibung seines Landes – letztlich der Zerrissenheit dieses Landes zwischen Tradition und Moderne, zwischen zwei Zivilisationen, zwei Religionen, zwei Haltungen, der islamischen und der westlich-atheistischen, der mystischen und der technikgläubigen,“ so Sartorius.

In seiner Dankesrede betonte Orhan Pamuk, „Religionsgemeinschaften, Stämme oder Völker gelangen heute über Romane zu den tiefsten Einsichten über sich selbst, diskutieren mit Hilfe von Romanen ihre Identität, und selbst wenn die meisten von uns nur zum Roman greifen, um sich zu amüsieren oder einfach nur die Flucht aus der Alltagswelt zu ergreifen, werden sie beim Lesen unbewusst über die Gemeinschaft, das Volk oder die Gesellschaft, der sie angehören, zu reflektieren beginnen. Deshalb ist der Roman nicht nur für das Glück und den Stolz der Völker, sondern auch für ihre Wut, ihre Empfindlichkeit und ihre Scham so ein fruchtbares Terrain.“

Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, Orhan Pamuk,
photo: Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Die einem Schriftsteller angemessene Art von Politik sei nicht das Engagement für eine bestimmte politische Sache oder die Mitarbeit in einer Partei, sondern sie entspringe vielmehr seiner Vorstellungskraft, seinem Vermögen, sich in andere hineinzuversetzen. Was wir als Manko empfinden würden, wenn ein deutscher Schriftsteller mit dem Anspruch auf die Abbildung deutscher Gegenwart ohne Türken in Deutschland und die ihnen entgegengebrachten Ressentiments in seinem Werk zu schildern aufträte, empfinde er auch „als Manko, wenn ein türkischer Schriftsteller heute nicht auf die Kurden, auf die Minderheiten in der Türkei und auf die unausgesprochenen dunklen Punkte unserer Geschichte eingeht.“

Die leicht verkennbaren Gefühle, die aus der Unterscheidung des Westens vom Osten resultieren, sind für Orhan Pamuk ein Stoff und die Nahrung für seine Ausdrucksform der Romane. „Die Probleme zwischen dem Osten und dem Westen, oder, wie ich es lieber bezeichne, zwischen der Tradition und der Moderne, zwischen meinem Land und Europa, haben immer auch mit einem nie ganz zu tilgenden Schamgefühl zu tun. Ich versuche dieses Gefühl stets im Zusammenhang mit seinem Gegenbegriff zu sehen, nämlich dem „Stolz“. Wo jemand allzu stolz und selbstgewiss auftritt, steht bekanntlich oft ein „anderer“ im Schatten von Scham und Erniedrigung. Und wer sich erniedrigt vorkommt, bei dem macht sich gerne stolzer Nationalismus bemerkbar.“ Diese Art von Scham, Stolz, Erniedrigung und Wut sei das Material, aus dem Orhan Pamuk seine Romane forme.

Orhan Pamuk betonte insbesondere in seiner Rede die Notwendigkeit der Aufnahme der Türkei in die Europäische Union für den Frieden Europas. Er warnte davor, wie sowohl die europäischen oder deutschen als auch die türkischen Politiker mit der Türkeifrage umgingen, ohne zu ahnen, wie gefährlich dies werden könnte. „Es ist das eine, den türkischen Staat wegen seiner Demokratiedefizite oder seiner wirtschaftlichen Lage zu kritisieren, und es ist etwas anderes, die ganze türkische Kultur oder die türkischstämmigen Menschen herabzuwürdigen, die in Deutschland unter weit schwierigeren Bedingungen leben als die Deutschen selbst. Die Türken wiederum reagieren auf diese Verunglimpfungen mit der Empfindlichkeit des Abgewiesenen. In Europa eine Türkenfeindlichkeit zu schüren, führt leider dazu, dass sich in der Türkei ein europafeindlicher, dumpfer Nationalismus entwickelt. Wer an die Europäische Union glaubt, sollte einsehen, dass es hier um die Alternative zwischen Frieden und Nationalismus geht. Hier liegt die Entscheidung, die wir treffen müssen, Frieden oder Nationalismus.“ Er sei überzeugt, „dass der Friedensgedanke das Herzstück der Europäischen Union ist und dass das Friedensangebot, das die heutige Türkei Europa macht, nicht ausgeschlagen werden darf.“

Seine Antwort auf die Frage im Zusammenhang mit einer Aufnahme der Türkei in die Europäische Union, was die Türkei und Türken Europa zu bieten haben, sei in erste Linie „Frieden“. „Europa verdiente Anerkennung dafür, dass es auch außerhalb des Westens die Werte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gefördert hat. Wenn Europa aber vom Geist der Aufklärung, der Gleichheit und der Demokratie beseelt ist, dann muss die Türkei in diesem friedliebenden Europa ihren Platz haben. Genau ein Europa, das sich nur auf das Christentum stützte, wäre eine Türkei, die ihre Kraft nur aus der Religion bezöge, eine die Realitäten verkennende, nicht der Zukunft, sondern der Vergangenheit zugewandte Festung.“

Preisträger Orhan Pamuk und Dieter Schormann, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, in der Paulskirche Frankfurt
photo: Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Die Auszeichnung des Friedenspreises an Orhan Pamuk ist eine Annerkennung dafür, dass er als Schriftsteller durch seine Literatur und öffentlichen Äußerungen für die Menschenrechte eintritt und eine gegenseitige Völkerverständigung fördert. „Orhan Pamuk geht den historischen Spuren des Westens im Osten und des Osten im Westen nach. Er bietet in seinen Romanen die Möglichkeit, sich in andren einzufühlen und sie zu verstehen“, so Dieter Schormann, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.

Bisherige Preisträger waren unter anderem Albert Schweizer, Theodor Heuss, Václav Havel, Siegfried Lenz, Susan Sontag und im vergangenen Jahr Péter Esterházy. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert.

culture »
photo: Frankfurt book  fair
Frankfurter Buchmesse, ein Mammutevent für die Welt der Bücher
Eine Welt der Bücher aus fünf Kontinenten auf einmal
African masks
Biblical sites in Israel, albanian museum city join UN world heritage list
Dalai Lama in Wiesbaden
Welcome Dalai Lama!
top TOP
imprint | disclaimer