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Rede von Orhan Pamuk

Bei der Eröffnungsfeier der Frankfurter Buchmesse 2008

Frankfurt/M, 16. Oktober 2008

Ich komme heute zum vierten Mal auf die Frankfurter Buchmesse. Zuletzt war ich im Jahr 2005 hier, als mir der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wurde. Zu meiner Freude sehe ich unter den hier Versammelten meine Freunde vom Börsenverein, denen ich jene große Ehre zu verdanken habe, sowie Verleger, Lektoren und Journalisten aus vielen Ländern, die schon damals der Feier in der Paulskirche beiwohnten.

Bei meinem ersten Besuch auf der Frankfurter Buchmesse bewegte ich mich noch recht unsicher auf diesem Parkett. Im September 1990 kam zum ersten Mal ein Buch von mir auf Deutsch heraus, nämlich „Die weiße Festung“. Die Übersetzung wurde für preiswürdig befunden, und so lud man meine Übersetzerin und mich nach Frankfurt ein. Mein damaliger Verleger Dr. Unseld lächelte mir aufmunternd zu, die Kritiker waren mir wohlgesinnt und überhaupt wurde ich von jedermann gut behandelt. So hätte ich eigentlich zufrieden und gelassen sein können, doch tatsächlich war ich angespannt und auch etwas enttäuscht. Wie so oft, wenn etwas tief im Inneren an einem nagt, hätte ich damals, vor 18 Jahren, den Grund für meine Enttäuschung noch nicht benennen können, während er mir heute in aller Deutlichkeit vor Augen steht.

Bedrückend war für mich damals die Erkenntnis, dass die internationale Verlags- und Bücherwelt viel größer war, als ich mir das von Istanbul aus vorgestellt hatte. Als Buchliebhaber hätten mich die Vielfalt und die schiere Größe der Frankfurter Buchmesse ja erfreuen müssen, doch traf es mich irgendwie, dass ich als junger Schriftsteller in dieser Welt nur einen so winzigen Platz einnahm. Ehrfürchtig staunend ging ich von Halle zu Halle, von Stand zu Stand, genoss die Mannigfaltigkeit der internationalen Verlagswelt und erwog zugleich, wie schwierig es sein würde, in diesem Universum meine Stimme zu Gehör zu bringen, eine Spur zu hinterlassen und meiner spezifischen Art zum Durchbruch zu verhelfen.

 

Orhan Pamuk at the Frankfurt Book Fair 2008
photo: Su-Kyung Han

Der Besuch der Frankfurter Buchmesse hat wie der Aufenthalt in einer Moschee, einer Kirche oder einem Tempel etwas an sich, das den Menschen zur Bescheidenheit aufruft, weil wir hier begreifen, dass nur die Bücher bleiben, wir aber vergänglich sind, und dass wir sehr klein sind neben all den Büchern, die als die Stimme der Menschheit und als ihr Gedächtnis gelten dürfen. Die Menge der hier versammelten Bücher muss gleich der legendären Vision einer sämtliche Bücher umfassenden und damit die Endlosigkeit von Zeit und Welt symbolisierenden Bibliothek einerseits Demut in uns wachrufen und uns andererseits daran erinnern, wie sehr die Menschen über nationale, historische oder sprachliche Grenzen hinaus sich gleichen und sich in ihren Zielen und Gefühlen ähnlich sind.

Wir Schriftsteller schreiben aber nun mal nicht, um angesichts von Millionen anderer Bücher brüderliche Gefühle zu entwickeln und unsere Bescheidenheit unter Beweis zu stellen, sondern gerade, um die ganz eigene Stimme, die irgendwo in uns steckt, erst einmal selbst wahrzunehmen und sie danach auch für andere, für Leser, für alle Leser hörbar zu machen. Daher verstehen wir uns darauf, in unser tiefstes Inneres hineinzuhorchen, dahin nämlich, wo wir anders als die anderen sind. Doch da, wo wir anders sind, stecken auch unsere Seele, unser Leib, unser Haus, unsere Familie, unsere Stadt, unsere Sprache, unsere Geschichte. Und daran und überhaupt an allem, was uns an den Schreibtisch drängt, merken wir dann, dass unsere eigene Identität sich von dem, was manche als „nationale Identität“ bezeichnen, gar nicht so sehr unterscheidet.

Jeder Schriftsteller aus einem Land, dessen Literatur weitgehend unbekannt ist, erlebt wohl das gleiche Phänomen, wenn eines seiner Bücher in eine westliche Sprache übersetzt wird: Da hat man aufrichtig von der Poetik oder den dunklen Seiten des ureigenen Lebens berichtet, und die Leser und Kritiker machen darin sogleich die Poetik und die dunklen Seiten eines ganzen Landes aus. Intimste Visionen und persönlichste Kreativität eines Schriftstellers werden als stellvertretende Darstellung von dessen Heimat wahrgenommen. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in den anderen Ländern, in denen meine Bücher dann übersetzt wurden, hörte ich von den Lektoren, die sich um eine Leserschaft für mein Buch bemühten, immer wieder das Gleiche: „Verstehen Sie uns nicht falsch, Herr Pamuk, Ihr Buch ist ja ganz schön, aber für türkische Kultur und Literatur besteht bei uns kein Interesse.“

Ich war dann so geknickt wie ein Junge, der nur aufgrund seines Geburtsortes nicht an einer Quizshow teilnehmen darf, aber im Grunde musste ich den Leuten Recht geben. Ich fühlte mich wie ein versponnener Gelehrter, der sich seit Jahren mit einem abwegigen Thema beschäftigt, aber ich hatte mir das Thema ja selber ausgesucht. Ich vergaß, dass für mich der Ausgangspunkt meiner Romane ja nicht die Türkei war, sondern meine eigenen Sorgen und Anliegen sowie die Seltsamkeiten, die ich in der Welt so wahrnahm, und so wie manche überzeugt sind, unter einem bösen Stern geboren zu sein, glaubte ich an die in meinem Autorenleben tausendmal vernommene Leier: Wer soll sich denn für einen türkischen Schriftsteller interessieren?

Als ich mit Mitte 20 mein erstes Buch herauszubringen suchte, fragte mich ein angesehener älterer Schriftsteller scherzhaft, warum ich denn das Malen aufgegeben habe, wo doch ein Bild wenigstens keine Übersetzung brauche. Ein türkischer Roman dagegen werde in keine andere Sprache übersetzt werden, und wenn doch, dann werde in dem betreffenden Land sich kein Mensch dafür interessieren. Die gebildeten Türken, die ich Mitte der achtziger Jahre in den USA traf, beklagten sich alle darüber, die Amerikaner hätten keine Ahnung von türkischer Kultur und Literatur und würden die Türkei nicht einmal in einem Atlas finden. Und wer überhaupt etwas über uns wisse, der habe ein falsches Bild von uns oder begreife uns einfach nicht. In den letzten zehn Jahren bin ich ziemlich viel in der Welt herumgekommen, und abgesehen von einer Handvoll westlicher Länder höre ich überall die gleichen Klagen, nämlich dass man von den anderen Nationen entweder gar nicht wahrgenommen werde oder eben nicht so, wie es sein sollte. Die Vorstellungen über nationale Identität und Volkscharakter sind von Person zu Person und von Land zu Land verschieden, doch darin, dass man verkannt werde, herrscht weitgehend Einigkeit.

Ich erzähle in diesem Zusammenhang von mir selbst, weil ich mir zumindest einbilde, damit die Gefühle eines großen Teiles der Menschheit wiederzugeben. Wir Türken haben uns in den letzten hundert Jahren so missverstanden gefühlt, dass wir aus dieser Einstellung geradezu einen Teil unseres Selbstverständnisses beziehen. Von den anderen nicht anerkannt zu werden, ist für die meisten von uns nachgerade ein Beweis für die Originalität und die Substanz unserer Kultur und Literatur. So wie manche Vertreter experimenteller Literatur vielleicht zurecht darauf stolz sind, von den Lesern weitgehend verschmäht zu werden, so gilt auch die Missachtung der türkischen Literatur einigen geradezu als Attest für deren marginale Besonderheit. Das mag ja angehen. Doch wer aus dem Unverstandensein einfach auf interkulturelle Unverträglichkeiten schließt, um daraus gar noch eine gewisse Aura abzuleiten, der leistet einem um sich greifenden gefährlichen Gedanken Vorschub, nämlich der Vorstellung, auch die vom Westen entwickelten Ideale von Demokratie und Meinungsfreiheit seien uns von Natur aus fremd und mit unserer Lebensart nicht zu vereinbaren, ja dieser schlichtweg abträglich. Mit diesem Befund meine ich natürlich nicht nur die Türkei allein.

Wir alle spüren die Verschiebungen und Verwerfungen, die sich im weltweiten kulturellen Machtgefüge vollziehen. Die alten Zentren büßen immer mehr an Anziehungskraft ein. Durch das rasante Wirtschaftswachstum in Indien und China und den hochschnellenden Erdölpreis entstehen in außerwestlichen Ländern neue Finanzund Kultur-Eliten. Nicht nur die Entwicklung der Romankunst und die Herausbildung neuer nationaler Literaturen, sondern die Gestaltung der gesamten Buchindustrie haben nicht zuletzt damit zu tun, wie diese neuen bürgerlichen Schichten sich definieren. Sollen wir unsere eigene Kultur und Identität jeweils für unvergleichlich halten und uns weiter auf den Standpunkt zurückziehen, es könne uns eben niemand verstehen, oder werden wir in der Lage sein, den Reichtum althergebrachter Kultur und unser Anderssein mit freier Meinungsäußerung unter einen Hut zu bringen?

Die weltweiten politischen und kulturellen Veränderungen der letzten 20 Jahre haben Auseinandersetzungen zwischen Tradition und Moderne, wie die Türkei sie schon seit 200 Jahren erlebt, zu einer globalen Thematik gemacht. Dass jemand die Türkei in einem Atlas nicht findet, höre ich heute kaum noch. Und angesichts der Tatsache, dass Hunderte von türkischen Schriftstellern und Verlegern nach Frankfurt gekommen sind, um sich von hier aus der ganzen Welt zu präsentieren, dürften wir uns wohl auch von dem Gefühl des Unverstandenseins ein Stück weit befreit haben. So lässt sich denn auch unbefangener über einige unserer Erfahrungen der letzten hundert Jahre sprechen.

Dass in diesem Zeitraum viele Bücher verboten oder verbrannt wurden, dass Schriftsteller ermordet oder ins Gefängnis gesteckt, als Vaterlandsverräter verschrien, ins Exil geschickt oder von der Presse systematisch niedergemacht wurden, das alles hat die türkische Kultur nicht bereichert, sondern sie ganz im Gegenteil verarmen lassen. Der Hang des türkischen Staates, Bücher zu verbieten und Schriftsteller zu bestrafen, hält leider immer noch an. Aufgrund des Paragraphen 301 des türkischen Strafrechts, mit dem man Schriftsteller wie mich einzuschüchtern versucht, werden Hunderte von Schriftstellern und Journalisten gerichtlich belangt und verurteilt. Während der Arbeit an meinem dieses Jahr veröffentlichten Roman brauchte ich raschen Zugriff zu alten türkischen Filmen und Liedern, was dank YouTube kein Problem war. Heute dagegen schon. Der Zugang zu YouTube und Hunderten von anderen in- und ausländischen Webseiten wird den Menschen in der Türkei nämlich aus politischen Gründen verwehrt. Den Machthabern dürfte das alles sehr recht sein, doch wir Schriftsteller, Verleger und Künstler und überhaupt jeder, der in der Türkei aktiv oder passiv am Kulturleben teilhat, vermag diese Maßnahmen allein schon deshalb nicht zu begreifen, weil unsere Kultur und Literatur doch weltweit Verbreitung finden.

Nun soll aber keiner denken, dass die Schriftsteller und Verleger sich entmutigen ließen. Die türkische Verlagslandschaft ist in den letzten fünfzehn Jahren erstaunlich groß und vielfältig geworden. Heute werden in der Türkei so viele Bücher veröffentlicht wie nie zuvor, und das aktuelle Angebot der Istanbuler Buchhandlungen spiegelt meiner Ansicht nach die vielschichtige und multikulturelle türkische Geschichte recht gut wieder. Die Schriftsteller und Verleger als Repräsentanten dieser Geschichte sind dieses Jahr in Frankfurt. Ich kann mir vorstellen, dass junge Autoren, die zum ersten Mal auf die Messe kommen, von der schieren Größe der internationalen Verlagswelt ebenso erschlagen werden wie ich selbst damals vor achtzehn Jahren. Dass sie aber, sobald sie einmal ihre eigene Stimme gefunden haben, trübsinnig fragen: „Wer soll sich denn für einen türkischen Schriftsteller interessieren?“, glaube ich nun nicht mehr. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen eine erfolgreiche Frankfurter Buchmesse 2008!

(aus dem Türkischen von Gerhard Meier)

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