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„Sehen Sie mich als Kindersoldatin, nicht als Monster“

Die ehemalige Kindersoldatin China Keitetsi schildert ihren Weg zurück ins Leben / Aktuelle Studie zur psychischen Situation von Kindersoldaten

UNICEF & missio, 17. September 2007

UNICEF und missio rufen anlässlich des Weltkindertages zur Demobilisierung und Wiedereingliederung von Kindersoldaten auf. Obwohl internationale Abkommen den Einsatz von minderjährigen Soldaten verbieten, werden weltweit über 250.000 Kinder und Jugendliche als Soldaten eingesetzt, bis zu 40 Prozent sind Mädchen. Die meisten Kindersoldaten gibt es auf dem afrikanischen Kontinent, aber auch in Asien, im Nahen Osten und in Bürgerkriegen in Lateinamerika werden Kinder als Soldaten missbraucht. Viele dienen bereits mit acht oder neun Jahren in Milizen, aber auch in regulären Truppen, und werden häufig zu entsetzlichen Grausamkeiten gezwungen.

Nach einer aktuelle Studie, die Kinderpsychiater der Ambulanz für Flüchtlingskinder, ein Projekt der Stiftung Children for Tomorrow und der Universitätsklinik Hamburg Eppendorf, mit Unterstützung u.a. von UNICEF in Uganda und der Demokratischen Republik Kongo durchgeführt haben, litten über ein Drittel der untersuchten ehemaligen Kindersoldaten unter schweren posttraumatischen Belastungsstörungen. 54 Prozent der befragten Kinder gaben an, selbst jemanden getötet zu haben.

Die ehemalige Kindersoldatin China Keitetsi aus Uganda wurde mit neun Jahren rekrutiert. Über zehn Jahre waren der Krieg und die Welt der Soldaten ihr zu Hause. Nach ihrer Flucht nach Dänemark schrieb sie als erste Kindersoldatin ihre dramatischen Erfahrungen auf. In ihrem neuen Buch „Tränen zwischen Himmel und Erde“, das in dieser Woche im Marion von Schröder Verlag erscheint, schildert sie, wie sie auch im sicheren Europa immer wieder von ihren traumatischen Erfahrungen eingeholt wird und um ihren Weg zurück ins Leben kämpfen muss. „Wir brauchen Ihre Hilfe. Sehen Sie mich als Kindersoldatin, nicht als Monster an“, schreibt China Keitetsi.

„Der Missbrauch von Kindern als Soldaten ist eine der schlimmsten Menschenrechtsverletzung. Doch die meisten ehemaligen Kindersoldaten können physisch und psychisch wieder gesund werden, wenn wir ihnen die Möglichkeit geben, ihre Erfahrungen aufzuarbeiten, zur Schule zu gehen und einen Beruf zu erlernen“, sagte Dietrich Garlichs, Geschäftsführer von UNICEF Deutschland.

„Kindersoldaten leiden an den Verbrechen, zu denen sie gezwungen wurden. Ohne Versöhnung mit sich selbst und ihren Mitmenschen kann es keinen Frieden geben“, sagte Pater Josef Gerner, der seit Mitte der 90er Jahre ehemaligen Kindersoldaten in Norduganda hilft.

Das Trauma der Kindersoldaten

Seit 2001 haben mit Unterstützung von UNICEF und anderen Organisationen weltweit über 95.000 Jungen und Mädchen in Krisengebieten spezielle Demobilisierungsprogramme durchlaufen. Wie belastend die Erfahrungen dieser Heranwachsenden sind zeigen Interviews, die Hamburger Forscher mit Unterstützung von UNICEF mit 169 ehemaligen Kindersoldaten in Goma und Bukavu (Demokratische Republik Kongo) und in Gulu (Nord-Uganda) durchgeführt haben und die soeben im angesehenen Journal der American Medical Association erschienen sind:

Die Kinder im Alter von 15 Jahren hatten im Durchschnitt bereits über drei Jahre als Soldaten gedient. 68 Prozent sahen wie ein Kind getötet oder verwundet wurde. 57 Prozent der Kinder sagten, dass sie zu sexuellen Handlungen gezwungen wurden. 90 Prozent der befragten Kinder waren Zeuge von Schießereien. 84 Prozent wurden selbst schwer geschlagen. 73 Prozent mussten kämpfen. 63 Prozent der Kinder glaubten, dass sie an Krankheiten oder Hunger sterben würden.

Zusätzlich zu diesen traumatischen Erfahrungen erschwert die Ablehnung durch die Bevölkerung die Wiedereingliederung. Nachbarn und sogar Angehörige werfen ihnen häufig tatsächliche oder vermeintliche Gräueltaten vor. Gleichzeitig taugen ihre Überlebensstrategien im Krieg nicht für den Frieden - sie haben oft verlernt, wie sie Konflikte friedlich lösen können. Aus Hoffnungslosigkeit resignieren deshalb viele und lassen sich erneut rekrutieren. Kinder mit psychischen Symptomen als Folge der Rekrutierung sind auch weniger bereit, sich nach dem Krieg mit sich selbst und anderen zu versöhnen. Programme zur Demobilisierung und Wiedereingliederung von Kindersoldaten, die psychosoziale und konkrete praktische Hilfen verbinden, sind deshalb ein entscheidender Beitrag zur Friedenssicherung nach Konflikten.

Politische Forderungen

In dieser Woche wird erneut die Arbeitsgruppe des UN-Sicherheitsrats zu Kindersoldaten in New York zusammen kommen. Der Sicherheitsrat hat den Einsatz von Kindersoldaten in 38 Konfliktparteien in 12 Ländern dokumentiert - darunter Burundi, Elfenbeinküste, Demokratische Republik Kongo, Burma, Somalia, Sri Lanka, Sudan, Tschad und Uganda. Aber auch in anderen Konflikten wie im Irak, in Palästina oder Afghanistan werden Kinder und Jugendliche immer wieder in bewaffnete Auseinandersetzungen hinein gezogen.

Zusammen mit der internationalen Kampagne „Stop the Use of Child Soldiers“ fordern UNICEF und Missio:

Alle Regierungen und Rebellengruppen müssen das Zusatzprotokoll zur UN-Kinderrechtskonvention zu Kindersoldaten umzusetzen. Dieses verbietet den Einsatz von Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren in Kampfeinsätzen. Zusätzlich sollen alle Militärs auch auf den Einsatz von Minderjährigen außerhalb von Kampfeinsätzen verzichten.

Die internationale Gemeinschaft muss mehr Druck auf nicht-staatliche Akteure ausüben, keine Kinder mehr einzusetzen. Im Gegenzug dazu sollte sie Unterstützung bei der Demobilisierung anbieten.

Militärs oder Milizenchefs, die Kinder als Soldaten missbrauchen, müssen zur Verantwortung gezogen. Der internationale Strafgerichtshof muss finanziell und personell in die Lage versetzt werden, die Täter zu verfolgen.

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