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Begriffsverwirrung in Süd-Korea: Wie wirkt sich das „Vier-Flüsse-Projekt“ auf die Flusslandschaft aus?

Albert Reif, Freiburg, 19. Oktober 2010

Die Regierung von Süd-Korea hat hochfliegende und für die Steuerzahler teure Pläne. Über das KICT (Korea Institue of Construction Technology) wurde am 2008.67.2009 der Masterplan für das sogenannte „Vier Flüsse Projekt“ vorgestellt (“Four Main Rivers Restoration Project”; Abb. 1, 2; http://www.mltm.go.kr/ebook/4river_masterplan/EBook.htm). Bis 2012 sollen etwa 17.8 Milliarden (! nicht nur Millionen!) US-$ ausgegeben werden, um Hochwasser (im Sommer) zu regulieren, Wasser für Trockenperioden zu speichern, Leistungen für Natur und Umwelt zu erbringen und den Erholungswert von Flusslandschaften zu erhöhen. Wie aber sollen diese sehr unterschiedlichen Ziele konkret und widerspruchslos zueinander verknüpft und verwirklicht werden? Hierzu sollen 16 neue Dämme die 4 größten Flüsse des Landes Han, Nakdong, Geum und Yeongsan aufstauen (Abb. 1). Hinzu kommen 2 neue Retentionsbecken und 3 Speicherbecken an den Nebenflüssen. Die Dämme der 96 bereits existierenden Speicherbecken zur Bewässerung der Reisfelder sollen erhöht werden. Auf 377 Kilometer werden die Seitendämme der vier Hauptflüsse neu befestigt.

Ursprünglich war in einer früheren Planvariante darüber hinaus geplant, die Flüsse Han und Nakdong durch einen Schifffahrtskanal zu verbinden, eine Idee, die dem koreanischen Präsidenten Lee anlässlich eines Besuchs des Rhein-Main-Donau-Kanals kam. Nach massivem öffentlichem Widerstand von Seiten der Bevölkerung und vieler Professoren wurde dieser Plan aber 2009 aufgegeben.

Die durch den Ausbau der Flüsse entstehenden Stauseen werden ausgebaggert, um das Wasserspeichervolumen zu erhöhen (Masterplan, S.73160). Auf insgesamt 691 Kilometern Flusslauf sollen etwa 570 Millionen Kubikmeter Sand und Kies ausgebaggert werden. An den Seitenflüssen werden auf 243 km die Flussufer neu befestigt, neun bereits bestehende Bewässerungsdämme werden erhöht. Entlang der Wasserstrassen sollen Fahrradwege, Sportstätten und Parks angelegt werden, um den Tourismus zu fördern. Mit den Arbeiten wurde bereits im Jahr 2009 begonnen, 36% der Arbeiten an Staustufen und 20 % der Gesamtarbeiten sind inzwischen sind inzwischen (Stand: 30. Juni 2010) bereits abgeschlossen 36% der Arbeiten an Staustufen und 20 % der Gesamtarbeiten sind inzwischen (Stand: 30. Juni 2010) bereits abgeschlossen (Abb. 2, 3).

Die Folgenabschätzung der Eingriffe konnte nur sehr oberflächlich erfolgen, schließlich hatten die Bearbeiter der Umweltverträglichkeitsprüfung für dieses riesige Projekt nur 4 (!) Monate Zeit, um alle Daten zu sammeln, auszuwerten und Schlussfolgerungen zu ziehen.

Abb.1: Quelle: Birds Korea, 2009b

Durch das „Vier Flüsse Projekt“ werden völlig neue künstliche Ökosysteme entstehen. An manchen beeinträchtigten Stellen wird der aktuelle Zustand einiger Flüsse dadurch verbessert. An vielen anderen Stellen aber werden die noch bestehenden naturnahen Auenlebensräume und ihr Arteninventar zerstört werden. Diese völlige Umgestaltung der Flusssysteme und Auenlandschaften dieser vier Flüsse wird von der Regierung in der Öffentlichkeit als “restoration” oder “revitalization” bezeichnet. Sie wird der Öffentlichkeit als Teil eines „Green Deal“ verkauft, bei dem mit Steuermitteln die Wirtschaft durch umweltfreundliche Projekte angekurbelt werden soll. Im Folgenden werden die Bedeutung dieser beiden Begriffe und deren aktuelle Verwendung analysiert.

 

(Abb.1 links: Lage der vier größten Flüsse Süd-Koreas und der geplanten und z.T. bereits gebauten neuen Staudämme im Rahmen des “Four Main Rivers Restoration Project”)

Abb.2: Baustelle der Buyeo-Staustufe am Geum -Fluss. Die Buyeo-Staustufe ist 7 m hoch und 620 m lang (500 m fester Teil und 120m beweglicher Teil). Die aufzustauende Wassermenge beträgt 23.5 Millionen Kubikmeter. Die künftige durchschnittliche Flusstiefe wird 4.6 m, die durchschnittliche Flussbreite 294 m betragen. photo: © Byoung-Sung Choi

Abb. 3: Baustelle der Ipo-Staustufe am Han-Fluss. Die Ipo-Staustufe ist 6 m hoch und 591 m lang (296 m fester Teil und 295m beweglicher Teil). Die aufzustauende Wassermenge wird bei 17 Millionen Kubikmeter liegen. photo: © Byoung-Sung Choi

 

Was bedeuten die Fachbegriffe “restoration” und “revitalization”?

Ökologische Wiederherstellung (restoration) wird von der Society of Restoration (2004) ganz allgemein folgendermaßen definiert: “Restoration … is the process of assisting the recovery of an ecosystem that has been degraded, damaged, or destroyed. … Restoration attempts to return an ecosystem to its historic trajectory. Historic conditions are therefore the ideal starting point for restoration design”. Demnach wird ein degradierter, geschädigter oder zerstörter Lebensraum in seinen früheren Zustand wieder zurück entwickelt.

Muhar et al. (1995) definieren river restoration als “… totality of measures which change man-induced alterations of rivers … in such a manner that the ecological functioning of the new state resembles a more natural river”. Dies beinhaltet also ebenfalls als eine Zurückführung von Gewässern in einen naturnäheren Zustand, eine Förderung der Selbstregulierung (Erhöhung der ökosystemaren Resilienz), sowie die Bewahrung vorhandener Naturressourcen. Besucher sollen die Einmaligkeit, die Vielfalt und Schönheit naturnaher Flusslandschaften auch weiterhin erleben können.

Der inhaltlich ähnliche Begriff “revitalization” bedeutet, eine tote oder scheintote Person bzw. Objekt wieder zum Leben zu erwecken (http://www.thefreedictionary.com/revitalize, Zugriff am 1. Juni 2010). Im Kontext der Landschaftsökologie ist damit unterstellt, dass ein ursprünglich vitales, intaktes Ökosystem in früheren Zeiten zerstört wurde, seine „Vita“ (= Leben) verlor (vgl. Anderson 1995). In der Folgezeit führen Maßnahmen von außen zur Wiederbelebung. Durch Eingriffe werden die früheren zerstörerischen Einwirkungen unterbunden, die Funktionen und Leistungen des Ökosystems verbessert. Vision bei „Revitalisierungen“ ist eine „intaktere“, eine nutzbarere Landschaft als zuvor, jedoch nicht notwendigerweise ein naturnäherer Zustand (Boon et al. 1992). Vor dem Hintergrund dieser Begrifflichkeiten entspricht das begonnene südkoreanische Projekt eher einer „Revitalisierung“ als einer „Wiederherstellung“ (restoration).

Besonders hingewiesen werden muss auf eine doppelte Aussage bei der Anwendung dieser beiden Begriffe: Sowohl “Revitalisierung” wie auch „Wiederherstellung (restoration)” analysieren oder beschreiben die Veränderung eines Ökosystems oder einer Landschaft, zugleich bewerten sie diese als positiv: “Revitalisierung” wie „Wiederherstellung“ sind „gut“, da sie verlorenes Leben zurück bringen!

Wie sehen bereits erfolgte Revitalisierungen aus?

Weltweit gibt es eine Reihe von erfolgreichen Maßnahmen, welche den Zustand von Flüssen und ihrer Umgebung verbesserten und als „Revitalisierung“ bezeichnet werden. Einige Beispiele für Revitalisierungen seien im Folgenden angeführt:

  • Im Gebiet der Stadt Los Angeles wurde der sogenannte “Los Angeles River Revitalization Master Plan” entwickelt (http://www.lariverrmp.org/, accessed april 20, 2010). Der zielt darauf ab, den Los Angeles River zu „revitalisieren“. Dieser Fluss ist über weite Strecken kanalisiert und verläuft über weite Strecken seines etwa 80 Kilometer langen Laufs in einer betonierten Rinne. Im Laufe der letzten Jahrzehnte wurden seine Ufer mit Eisenbahnen, Lagerhäusern und Industrieanlagen zugebaut, der Fluss kann über weite Strecken von den Bewohnern der Stadt gar nicht mehr gesehen und wahrgenommen werden. Im Jahr 2002 initiierte die Stadtverwaltung von Los Angeles ein Projekt unter Einbeziehung der Bevölkerung. Es sollten große Anstrengungen unternommen werden, den Fluss zu „revitalisieren“. Konkrete Ziele waren es, die Erholungsfunktion zu verbessern, zwischenmenschlich-nachbarschaftlichen Begegnungen zu ermöglichen, Lebensräume für die Natur zu schaffen, die Wasserqualität zu verbessern, Arbeitsplätze zu schaffen sowie die Identifizierung der Bewohner mit ihrer Umgebung zu fördern (http://www.lariverrmp.org/, Zugriff am 20. April 2010).

  • In Massachusetts begann man im Jahr 2006 im Rahmen der sogenannten “French River Connection” mit der Revitalisierung des “French River” (French River Connection, 2006). Der French River fließt über etwa 42 Kilometer durch Massachusetts. Bis vor wenigen Jahren war der Fluss stark verschmutzt. Über weite Strecken war er in ein schmales Kanalbett gezwängt, umgeben von Industrieanlagen. Auf den Grundlagen des sogenannten “French River Revitalization Concept” wurden Parkanlagen und ein Fussweg entlang des Flusses angelegt, historische Gebäude renoviert, Bootsanlegestellen geschaffen und Bootsfahrten ermöglicht, sowie die wilden Müllablagerungen beendet (http://frenchriverconnection.homestead.com/files/French_River_Revitalization_Concepts.pdf , Zugriff am 20. April 2010).

  • In der Stadt Racine in Wisconsin präsentierte die “Root River Council and River Alliance of Wisconsin” im Jahr 2008 ein Revitalisierungskonzept für den Root River mit dem Namen “Back to the Root: An Urban River Revitalization Plan”. Etwa acht Kilometer dieses verschmutzten und industriell kontaminierten Flusses sollten in ihrem Zustand verbessert werden (Root River Council, 2008). Ziele waren es, (1) die Stadt Racine wieder zu ihrem Fluss zu bringen, (2) durch eine Mischung aus Wohnen, Kleingewerbe und Erholungseinrichtungen eine innovative Entwicklung und wirtschaftliches Wachstum der flussnahen Bereiche zu stimulieren, (3) naturnähere Lebensräume wiederherzustellen und die Wasserqualität zu verbessern, sowie (4) die Bürger maßgeblich zu beteiligen (<www.backtotheroot.org>, Zugriff am 20. April 2010).

  • Ein bekanntes, aber nicht ganz zutreffendes Beispiel aus Süd-Korea ist die sogenannte Revitalisierung des Cheonggye-Flusses im Zentrum von Seoul (Abb. 4). Dieser Wasserlauf wurde 1957 bis 1961 kanalisiert und durch eine mehrspurige und mehrstöckige Straße überdeckt. Im Jahr 2005 wurde dieser kleine Fluss auf fast 6 Kilometer Länge von dem damaligen Bürgermeister (und jetzigen Präsidenten von Süd-Korea) mit einem finanziellen Aufwand von etwa 281 Millionen US-$ in eine sehr beliebte Erholungslandschaft mitten im Stadtgebiet von Seoul umgewandelt (Quelle: http://www.nuku.de/archives/2005/10/03/cheonggyecheon-neuer-fluss-durch-seoul.html, Zugriff am 27.6.2010). Da der Cheonggye-Fluss im Winterhalbjahr Sommer fast trocken fällt, wird seine Hauptwassermenge aus dem weit entfernten Han-Fluss und dem Grundwasser aus den U-Bahnstationen herangepumpt (und desinfiziert). Hierfür ist der Begriff der „Revitalisierung“ hierfür kaum geeignet, besser sollte man von „Gestaltung“ sprechen.

Abb. 4: Durch den Rückbau einer mehrspurigen, mehrstöckigen Straße aus den 60er Jahren wurde der Cheonggye-Fluss zu einem beliebten Erholungsbereich umgestaltet. Zentrales Element ist ein neuer, künstlicher Fluss quer durch das Zentrum der Stadt Seoul. Die Spazierwege an den Ufern werden von vielen Bürgern genutzt. © Hea-Jee Im.

Fazit: Allen diesen Revitalisierungsprojekten gemeinsam ist, dass sie in städtischen Ballungsräumen durchgeführt wurden, um den Zustand von kanalisierten und teilweise unterirdisch verrohrten Flüssen zu verbessern. Die Verbesserungen dienen in erster Linie dazu, den Erholungswert der flussnahen Gebiete zu erhöhen. Hierzu wurden „saubere“, begrünte und zugängliche Parklandschaften geschaffen. Die Beispiele weisen darauf hin, dass in stadtnahen Gebieten die Schaffung naturnaher Auenökosysteme nicht das Ziel von Gestaltungsmaßnahmen sein kann. In Stadtgebieten stehen die sozialen Leistungen („Erholung“) im Vordergrund.

Können die vier Flüsse in Süd-Korean “revitalisiert” werden?

In Gebieten mit unterschiedlichen Jahreszeiten und Niederschlagsperioden wechselt der Wasserstand, verändert sich die Strömungsgeschwindigkeit und Transportkraft des Wassers, finden Erosion, Materialtransport und Sedimentation statt (Ellenberg 1996, Naiman et al. 1998). Auch die Auen Süd-Koreas sind aufgrund des hohen Sommerniederschlags (Maximum im Juli und August) durch Sommerhochwasser und Morphodynamik geprägt (Abb. 5).

Abb. 5: Kyoungcheondae am Nakdong-Fluss. Dieser Teil gilt als die schönste Landschaft an diesem Fluss. Der Deich wird künftig um 50 m zurückversetzt, damit der Fluss breiter wird. Zugleich wird der Sandstrand gänzlich ausgebaggert werden, damit der Fluss auch tiefer wird. © Byoung-Sung Choi

Die Arten und Ökosysteme der Auen haben sich an diese Periodizität angepasst. Nur durch die immer wiederkehrende Ablagerung von Mineralboden können sich lichtliebende Pionierarten wie Weiden und Pappeln etablieren, können sich die Weichholz-Auenwälder verjüngen. Berühmte Beispiele hierfür sind die Weiden- und Pappelwälder im holarktischen Florenreich der nördlichen Hemisphäre, oder die Balsaholz (Ochroma pyramidale)-Wälder Südamerikas. Bleibt diese Strömungsdynamik aus, dann werden auch viele Auenarten verschwinden. Viele Tier- und Pflanzenarten der Auen sind überflutungstolerante Spezialisten kombiniert mit Eigenschaften von Pionierarten.

Die südkoreanischen Flüsse Han, Nakdong, Geum und Yeongsan befinden sich bis heute über große Bereiche in einem mehr oder weniger naturnahen Zustand (Abb. 5, 6). Ihre Ökosysteme und auendynamischen Prozesse sind intakt, insbesondere außerhalb der großen Ballungsgebiete wie Seoul. Darin liegt der wesentliche Unterschied im Vergleich zur Ausgangssituation bei allen bisherigen „Revitalisierungsprojekten“. Bis heute bieten ästhetisch ansprechende und naturschutzfachlich wertvolle Flusslandschaften Lebensraum für einzigartige Ökosysteme mit einer Vielzahl von seltenen und gefährdeten Arten. Hierzu gehören beispielsweise der Langschnabel-Regenpfeifer (Long-billed Plover; Charadrius placidus) und der weltweit stark gefährdete Schuppensäger (Scaly-sided Merganser; Mergus squamatus).

Die Auen und Feuchtgebiete des Nakdonkang und Keumkang sind wichtige Überwinterungsgebiete und Rastplätze für Zugvögel auf ihrem Weg zwischen Sibirien und dem subtropischen Asien (Birds Korea, 2009 a, b, c; Abb. 7), darunter die gefährdeten. Mönchskraniche (Grus monacha) und Weißnacken-Kraniche (Grus vipio). Bedroht sind auch die in Korea endemischen Fischarten Iksookimia choii und Acheilognathus signifer sowie Pflanzenarten wie etwa Aster altaicus var. uchiyamiae.

Fazit: Die Flüsse Süd-Koreas können nicht pauschal als „degradiert, zerstört oder biologisch tot“ abqualifiziert werden, wie es die derzeitige koreanische Regierung implizit praktiziert. Abgesehen von belasteten und regulierten Abschnitten sind sie noch relativ naturnah, sie können schon per Definition nicht „revitalisiert“ oder „Wiederhergestellt“ werden, und bedürfen dies über weite trecken auch nicht.

Abb. 6: Der naturschutzrechtlich geschützte Flussabschnitt Hoeryongpo am Naesung-Fluss gilt als eine der schönsten Flusslandschaften Süd-Koreas. Obwohl hier keine direkten Baumaßnahmen stattfinden, wird das Vier-Flüsse-Projekt die Landschaft künftig völlig verändern: Um eine kontinuierliche Wassermenge im Nakdong-Fluss zu sichern, wird am Oberlauf des Hoeryongpo der Youngju-Damm gebaut. Dieser wiederum soll durch einen Zusatzdamm im Oberlauf von Versandung geschützt werden. Diese Staustufen werden eine Sedimentfalle darstellen, damit wird künftig der Sandeintrag im Hoeryongpo-Abschnitt ausbleiben. Der Abtransport von Sand wird jedoch vor allem bei Hochwässern weitergehen, ja sogar beschleunigt werden. Ursache hierfür wird die verstärkte Strömung und damit Sogwirkung sein, da der nur etwa 5 Kilometer flußabwärts gelegene Nakdong-Fluss sehr tief ausgebaggert wird. Damit werden die Sandbänke am Hoeryongpo aufgrund von Tiefenerosion verschwinden. © Byoung-Sung Choi

Abb. 7: Die Population des Schuppensägers (Mergus squamatus) geht seit vielen Jahren zurück. In Ostasien und damit weltweit gibt es noch etwa 1200 Brutpaare, die Art ist stark gefährdet. Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Schuppens%C3%A4ger. photo: Thurner, B.S., Hof.

“Revitalisierung” in Süd-Korea = “Zerstörung und Neuschaffung“! Das bereits in Umsetzung befindliche „Vier-Flüsse-Projekt“ wird das Gewässerregime und die Morphodynamik der Auen völlig verändern (Abb. 6; vgl. Groffman et al. 2003; Ellenberg 2009). Die jahreszeitlichen Wasserstandsschwankungen werden stark abgemildert werden. Perioden mit schnell fließender Strömung werden in einer staugeregelten Aue völlig verschwinden. Dies verändert die Sedimentverlagerung, die Materialverlagerung flussabwärts wird unterbrochen. Die Stauseen werden sich mit Sedimenten auffüllen und müssen in Zukunft ständig ausgebaggert werden. Amphibische Flusslebensräume und Flachwasserzonen mit ihren Arten werden verloren gehen. Dafür werden völlig neue dauernasse Lebensräume geschaffen werden. In diesen wird die Wasserqualität vor allem während des Sommers sinken, da hohe Temperaturen und Algenwachstum werden zu Sauerstoffarmut führen, insbesondere wenn Nährstoffeinträge stattfinden.

Fazit: Das sogenannte “Revitalisierungsprojekt” ersetzt die existierende naturnahe Flussdynamik durch künstliche Kanäle und aufgestaute Seen, also flussmorphologisch statische Ökosysteme ohne Substratverlagerung. Daher werden sich auch völlig neue Ökosysteme herausbilden, mit einer limnischen anstelle einer fließgewässertypischen Flora und Fauna. Die sehr technokratisch ausgerichteten Maßnahmen der südkoreanischen Regierung sind keine „Revitalisierung“. Vielmehr zerstören sie die vorhandene, an vielen Stellen wertvolle Naturraumausstattung, um an ihre Stelle eine künstliche Stausee- und Schifffahrtskanallandschaft zu schaffen.

Warum werden die Flussbaumaßnahmen als “Revitalisierung” bezeichnet?

Das “Vier-Flüsse-Projekt” wird der Öffentlichkeit als ein „grünes“ Projekt vorgestellt. Dies entspricht ganz offensichtlich nicht den Realitäten (s.o.), Daher stellt sich die Frage, welche anderen Motive hinter einem derart monströsen und teuren Projekt stecken mögen.

Revitalisierung kann umschrieben werden mit der Herstellung eines “guten Zustandes” (“landscape integrity“). Eine der Komponenten hierbei ist die Wasserqualität. Wichtige Verursacher der Gewässerverschmutzung in Süd-Korea sind – wie in vielen anderen Industrieländern auch – ungenügend gereinigte Abwässer aus Haushalten und Industrie sowie die Auswaschung von Nährstoffen und Pestiziden aus der Landwirtschaft. Als Lösung hierfür sind Kläranlagen sowie eine extensivere Landwirtschaft zielführend. Entlang der Gewässer könnten staatliche Auflagen eine extensive Nutzung von Gewässerrandstreifen fordern, wie dies beispielsweise seit dem Jahr 2000 in der Europäischen Union im Rahmen der „Wasserrahmenrichtlinie“ schrittweise umgesetzt wird (http://ec.europa.eu/environment/water/water-framework/index_en.html, Zugriff am 6. Juni 2010). Kanalisierung von Flussläufen wird dieses Problem nicht lösen, sondern aufgrund der nur langsamen Fließgeschwindigkeit verschärfen.

Hochwasserrückhaltung könnte ein anderes wichtiges gesellschaftliches Ziel bei Eingriffen in Gewässer sein. Eine wirkungsvolle Hochwasserrückhaltung jedoch benötigt Retentionsbecken mit niedrigem Wasserstand vor Einsetzen von Hochwasser, die bei Bedarf gefüllt werden können. Die Auen staugeregelter Flüsse dagegen sind entweder permanent mit Wasser gefüllt, ihre Retentionsfunktion wird dadurch stark eingeschränkt, oder sie weisen einen schwankenden Wasserstand auf. In der staugeregelten Aue werden vor allem feinkörnige Sedimente abgelagert. Bei nur geringer Strömung Während der Niedrigwasserperioden werden die Flussufer daher von lehmig-tonigen Ablagerungen bedeckt sein, was von den Fischern und Touristen wohl nur ungern gesehen werden wird.

Weiterhin sei angemerkt, dass Überflutungsschäden vielfach nicht durch den Fluss, sondern durch einen ständig steigenden Landnutzungsdruck in Auengebieten verursacht werden, beispielsweise durch Ausdeichungen früherer Überflutungsflächen und Anlage von Siedlungen und Gewerbegebieten in diesen. Es ist abzusehen, dass in Jahren mit überdurchschnittlichem Hochwasser starke Hochwasserschäden die Folge sein werden.

Die Umgestaltung der Flüsse zu eingedeichten Stauseen könnte zur Verbesserung der Wasserversorgung in Niedrigwasserperioden beitragen. Aufgrund des sommerlichen Monsunregens würde dies vor allem das Winter- und Frühlingshalbjahr betreffen. Dieses Argument ist durchaus bedenkenswert und wichtig.

Jedoch herrschtWenn dies jedoch letztlich der Grund für das “Vier-Flüsse-Projekt” sein sollte, dann sollte dies auch klar gesagt werden. Eine dauerhaft gesicherte Wasserversorgung wäre jedoch auch mit viel weniger Kosten erreichbar, insbesondere auch durch gezielte Wassersparmaßnahmen. in den Städten Koreas, die in dem Einzugsgebiet des 4-Flüsse-Projekts liegen, kein Wassermangel. Unter Wassermangel leiden in Korea nur Inseln und Gebirgsregionen, die sich an Oberläufen kleiner Zuflüsse befinden. Das Wasser, das durch das 4-Flüsse-Projekt gespeichert wird, kann diese wasserarmen Regionen Koreas nicht erreichen. Dieser Sachverhalt wird von der Regierung verschleiert. Viele Bauern in den wasserarmen Regionen glauben tatsächlich, dass sich durch das 4-Flüsse-Projekt ihre Wasserversorgung verbessern wird.

Als weiteres Argument werden die Verbesserung der Erholung und Förderung des Tourismus genannt. Die in Süd-Korea favorisierte Konzeption ist jedoch das Gegenteil einer Umweltpädagogik oder eines umweltfreundlichen “Ökotourismus“. Im Gegenteil: Die Nation wird dazu animiert, die neue „künstliche“ Stausee-Welt zu genießen, anstelle dass eine Umwelterziehung mit einem Fokus auf „Verstehen und Bewahren des Naturerbes“ praktiziert würde.

Schlussfolgerung: Die vier wichtigsten Flüsse von Süd-Korea werden zur Zeit völlig neu umgestaltet. Die Maßnahmen werden in dem „Masterplan“ in ihrer Wirkung auf die Ökosysteme der Auen als „Wiederherstellung“ bezeichnet. Es konnte gezeigt werden, dass diese Bezeichnung unzutreffend und irreführend ist. Zutreffend und ehrlich wäre es, die Baumaßnahmen als „Neugestaltung der koreanischen Flusslandschaften“ zu bezeichnen.

Angesichts der großen Diskrepanz zwischen dem Anspruch der Regierung einer Auen-Wiederherstellung und den geplanten und bereits geschaffenen Fakten lässt sich schließen, dass sich hinter der irreführenden Terminologie partikuläre Interessen verbergen. Das “Four Main Rivers Restoration Project” geht einher mit einer vorangehenden Zerstörung der existenten Auen. Die Wahl der Begriffe „Revitalisierung“ oder „Wiederherstellung“ von Flussauen unter Ausblendung der damit einhergehenden Zerstörung nutzt die mit diesen Begriffen einhergehende positive Bewertung, um die Akzeptanz der begonnenen Maßnahmen durch die Öffentlichkeit zu fördern.

Dies kann mit Fug und Recht „Lenkung des Volkswillens“ (im Wortsinn übersetzt: Demagogie) genannt werden. Diese Art der Argumentation und das damit verbundene Handelns ist das Gegenteil von “good governance”, es ist interessengeleitete „Ideologie“.

 

Bibliography

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* Autor:

Prof. Dr. Dr. h.c. Albert Reif
Leitung des Arbeitsbereiches Vegetations- und Standortskunde
Fakultät für Forst- und Umweltwissenschaften, Waldbau-Institut
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Tennenbacher Str. 4
D-79085 Freiburg
Phone xx49-(0)761 – 203-3683
E-Mail: albert.reif@waldbau.uni-freiburg.de
http://www.waldbau.uni-freiburg.de/Mitarbeit/reif.html

* Dieser Beitrag wird als Hauptbeitrag in der "Kritische Ökologie", eine bedeutende Fachzeitschrift für Umwelt, Ausgabe Oktober 2010, veröffentlicht. Veröffentlicht wurde auch http://www.hanamana.de/dul/node/249

Siehe 용어 혼동하는 한국: "4대강 사업"이 하천환경에 어떤 영향을 미치는가? --->>

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